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Selige Apathie

Welchen Nutzen haben Germanistik, Philosophie oder Kunstgeschichte? Die Geschichte einer falsch gestellten Frage

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Der Wissensunternehmer

Beim Streit um die Geisteswissenschaften geht es nicht nur um notwendige Reformen. Es geht darum, die Universitäten an die Interessen der Wirtschaft anzukoppeln

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Weltverstrickt

Das Verstehen verstehen. Über den Sinn der Geisteswissenschaften

Verstehen ist etwas ganz Gewöhnliches. Es ist nicht nur in der Kommunikation, sondern überall verlangt, wo jemand auf eine bestimmte Weise tätig ist. Denn Handelnde sind Verstehende. Sie verstehen sich und ihre Situation auf die eine oder andere Weise. Sie orientieren sich an Verständnissen, die ihnen Orientierung bieten. Sie haben nicht allein Absichten, sie wissen, dass sie Absichten haben (und manchmal auch, welche). Sie haben nicht allein Meinungen, sie wissen, dass sie (manchmal zutreffende) Meinungen haben. Denn wer versteht, versteht, dass er versteht: Er weiß, dass das, was er tut und lässt, der subjektiven und intersubjektiven Beurteilung offen steht. Wer überhaupt versteht, versteht damit auch, dass sich nicht alles Verstehen von selbst versteht. Er kann sich fragen, wie eine Sache, eine Situation, eine Geschichte, ein Schicksal zu verstehen ist – und wie er sich selbst verstehen soll.

Alles Verstehen nämlich spielt sich in einem Kontext von Gründen ab. Auch wer sich ganz praktisch auf etwas versteht, hat darin bereits etwas verstanden: Er hat Gründe, so und nicht anders zu handeln; er handelt so, weil es für ihn so oder so richtig ist. Könnte er den Grund seines Tuns nicht wenigstens ansatzweise erläutern, so müssten wir annehmen, dass er gar nicht versteht, was er da tut. Wir könnten sein Verhalten nicht als Handeln deuten. Wer sich selbst und andere über seine Orientierung nicht orientieren kann und in diesem Sinn keine Orientierung über seine Orientierung hat, hat keine Orientierung im Modus des Verstehens. Die Ausübung und die Erläuterung des Verstehens sind zwei Seiten ein und derselben Fähigkeit, auch wenn wir natürlich bei vielen Verrichtungen ohne einen Gedanken über ihren Sinn und Zweck auskommen.

Ein Vorrat an Verständnis und die Bemühung um Verstehen sind das Normalste von der Welt, weil aus ihnen die menschliche Welt besteht. Wer die Fähigkeit der verstehenden Orientierung hat, ist konventionell gesprochen in der Welt des Geistes zu Hause. Sein Kennen und Können, Wünschen und Wollen, Fühlen und Erleben ist mit einem Selbst- und Weltverständnis verbunden, das ihn immer wieder vor die Frage stellt, wie er etwas oder sich verstehen kann und verstehen soll. Und er ist von Verständnissen gleichsam umstellt, die ihm aus den Reaktionen, Erwartungen und Reden anderer entgegenkommen oder sich in der Gestalt von Institutionen, Gesetzen und Techniken verfestigt haben – als Formen des „objektiven Geistes“, die in ihrer Verständlichkeit und Vernünftigkeit ihrerseits infrage stehen können. Die „Welt des Geistes“ ist somit keine subjektive Welt neben der übrigen Welt, sie ist eine kulturell ausgeformte und angeeignete Welt, die sich in Prozessen des Verstehens fortlaufend reproduziert.

Die Domäne der Geisteswissenschaften ist die Erforschung dieses Verstehens. Diese Wissenschaften betreiben die gewöhnliche Reflexivität des Verstehens weiter, als es im Alltag nötig und möglich ist. Ihr Anliegen ist eine Bereicherung des orientierenden Verstehens durch die Erkundung der Wirklichkeiten und Möglichkeiten menschlichen Verstehens. Es wäre ein grobes Missverständnis, würde man die Geisteswissenschaften primär oder gar ausschließlich als Textwissenschaften verstehen. Zwar sind sie teilweise aus der Deutung heiliger Texte hervorgangen, ihre Untersuchungen reichen aber sehr viel weiter. Denn auch als Textwissenschaften sind sie Handlungswissenschaften. Sie handeln davon, wie sich Handelnde in ihrem Handeln verstehen und verstanden haben – oder verstehen könnten; sie handeln davon, was es bedeutet, Teilnehmer an der auf Verstehen gegründeten menschlichen Welt zu sein. Ihr Gegenstand ist die im Erleben und Verstehen gedeutete und bedeutsame Welt – einschließlich der Manifestationen dieser Bedeutsamkeit, wie sie von Wissenschaft und Kunst über Jahrtausende hinweg hervorgebracht wurden. Historiker, Kulturwissenschaftler, Philosophen, aber auch Soziologen und Psychologen, soweit sie interpretativ arbeiten, haben es mit dieser Welt zu tun. Sie alle untersuchen Formen des Zugangs zur und damit des Verstricktseins in die Welt, wie sie sich durch Prozesse des Verstehens bilden. Sie alle nehmen den Faden der Selbstbefragung auf, der in das verstehende Können und Kennen von Anfang an eingewoben ist. Es ist diese Perspektive des verstehenden Involviertseins, die die Geisteswissenschaften zu ihrem Thema machen.

Das ist nicht irgendeine Perspektive. Denn nur durch ihre Teilbarkeit und Mitteilbarkeit können Verhältnisse von Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft überhaupt bestehen. Alle Wissenschaften hängen von dieser Perspektive der Teilnahme an der menschlichen Welt ab – auch die Naturwissenschaften. Zwar ist deren Gegenstand nicht die interpretierte, sondern die kausal determinierte Welt. Wie sehr sie aber mit ihren Forschungen „hinter“ das menschliche Verstehen gehen mag, etwa indem sie physische und psychische Mechanismen aufdeckt, die der Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung nicht zugänglich sind – ihre Ergebnisse trägt sie dennoch auf dem Forum des Verstehens vor. Sie formuliert Argumente für oder gegen bestimmte Hypothesen und nimmt damit am gesellschaftlichen Austausch von Gründen teil, durch die wir uns im Denken und Handeln orientieren. Auch die Naturwissenschaft, die sich zu ihren Gegenständen nicht im Modus des Verstehens verhält, operiert als Wissenschaft auf der Voraussetzung des Verstehens. Als eine kulturelle Praxis leistet auch sie Arbeit am Selbstverständnis des Menschen.

Wie der Alltagsverstand, das Recht, die Politik und die Kunst bietet sie damit den Geisteswissenschaften Gelegenheit, das Verstehen zu verstehen, das diese Art der Praxis leitet. Denn dazu sind sie da: zur Erforschung von Verständnissen, die menschliche Individuen und Kollektive in ihrem Bemühen um Orientierung getragen haben und tragen könnten. Sie klären auf über vergangene, gegenwärtige und künftige Bedingungen der Teilnahme an der menschlichen Welt. Indem sie dies tun, klären sie zudem darüber auf, dass diese Teilnahme auch durch die Perspektive eines noch so distanzierten Beobachters nicht aufgekündigt werden kann.

Martin Seel ist Professor für Philosophie an der Universität Gießen

© DIE ZEIT 22.04.2004 Nr.18

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Der Lieblingsfeind

Macher und Deuter im Streit.

Geisteswissenschaften sind Deutungswissenschaften; darin liegen ihr Glanz und ihr Elend. Nicht der Philosoph, sondern der Ingenieur baut die Maschine; aber der Philosoph erklärt, was eine Maschine ist und wie sie sich zum Menschen verhält. Der Physiker entwirft die Atombombe, aber der Politologe sagt, welches die Konsequenzen für die Staatenwelt sind. Der Biologe entwickelt die Gentechnik; aber nur Soziologen oder Theologen können zeigen, was dies für die Identität des Individuums bedeutet. Politiker machen Geschichte, aber erst der Historiker entdeckt das Muster, nach dem sie gehandelt haben.Die Geisteswissenschaftler geben den sprachlosen Naturwissenschaften eine Sprache und der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst. Man könnte auch sagen: Alle Neuerungen (und mehr noch: alle Vergangenheit) werden erst durch ihre Tätigkeit begreifbar und politisch wirksam. An dieser Deutungsmacht liegt es, wenn Geisteswissenschaftler bewundert oder angefeindet werden. Sie sind recht eigentlich das, was man in der Umgangssprache als Intellektuelle bezeichnet und zu manchen Zeiten als moderne Priesterkaste verteufelt hat. Und in der Tat: Philosophen haben Revolutionen angezettelt (wie Marx), Historiker bei ethnischen Säuberungen geholfen (wie auf dem Balkan), Literaturwissenschaftler vielen Diktaturen gedient (wie dem Hitlerreich oder der DDR). Moralisch gesehen sind Geisteswissenschaftler unzuverlässige Gesellen, auch wenn sie zuzeiten durchaus die politische Moral befördert haben (wie die Soziologen, die hinter der Apo standen). Sie sind aber selbst dort, wo sie Tyrannen förderten, niemals lange gern gesehen, oft schon bald liquidiert worden. Für totalitäre Regime gilt bis auf den heutigen Tag: Der Intellektuelle ist ihr Lieblingsfeind.Geisteswissenschaftler sollten daher nicht klagen, wenn ihnen öffentliche Ablehnung entgegenschlägt oder Fördermillionen ausbleiben. Der Widerstand bei Politikern oder Machern der Wirtschaft zeigt nur, dass sie ihre Arbeit getan und Kritik geleistet haben. Denn Kritik (ob an historischen Quellen, Ideologien oder ganz allgemein an falschen Selbstverständlichkeiten) ist der Kern ihrer Arbeit. Der Geisteswissenschaftler verliert erst dann seine Berechtigung, wenn er vom kritischen Intellektuellen zum reinen »Brotgelehrten« mutiert, wie ihn Schiller karikiert hat. Der Brotgelehrte, dem es nur um soziale Akzeptanz, um Drittmittel und Karriere zu tun ist, kann in anderen Fächern etwas leisten – für die Geisteswissenschaften bedeutet er den Ruin. Das ist die Gefahr, die in den Rufen nach einer Effizienzkontrolle liegt: dass sie den Opportunisten auf Kosten des Intellektuellen fördert.

© DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05

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